Critical Thinking

„A im Rahmen der Systemtransformation ehemals sozialistischer Länder.

„A governance system is defined as the totality of institutional arrangements –
including rules and rule-making agents – that regulate transactions inside and
across the boundaries of an economic system” (Hollingsworth et al. 1994b: 5).
Diese allgemeine Definition klärt, worum es in jener Teildisziplin der Sozialwissenschaften
geht, die den Begriff der „Governance” nicht auf das Regieren in der
Politik, sondern auf die Transaktionen in der Wirtschaft moderner (kapitalistischer)
Gesellschaften bezieht. Es geht ihr um die institutionellen Grundlagen der
Koordination von Wirtschaftssubjekten, die sich in unterschiedlichen „ökonomischen
Systemen” bewegen, auch wenn diese Systeme allesamt als „kapitalistisch”
eingestuft werden. Wie in der Struktur dieses Bandes bereits deutlich wird,
lässt sich diese Forschung über die Governance der Wirtschaft in vier Teilbereiche
mit einer je eigenen Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes untergliedern:

? Die Governance der Volkswirtschaft einzelner Länder oder Länderfamilien
(z.B. das „Modell Deutschland” im Unterschied zur liberalen politischen
Ökonomie der USA): In dieser Perspektive stehen die nationalen Besonderheiten
der Governance wirtschaftlicher Transaktionen im Vordergrund.
? Die Governance einzelner Wirtschaftssektoren (z.B. Chemische Industrie,
Autoindustrie, Maschinenbau, Ernährungsindustrie): In dieser Perspektive
rücken sektorale Aspekte der Governance in den Vordergrund. Dabei wird
angenommen, dass in der Governance von einzelnen Wirtschaftsbranchen
über alle Länder hinweg sektorale Besonderheiten identifiziert werden können,
die den spezifischen sektoralen Koordinationsanforderungen geschuldet
sind.
? Die Governance einzelner regionaler Wirtschaftscluster (z.B. der Textilproduktion
in Prato, der Biotechnologie in München-Martinsried oder der Medienwirtschaft
in Köln).
? Die Governance (-Probleme) im Rahmen der Systemtransformation ehemals
sozialistischer Länder.
Am bekanntesten sind sicherlich die Studien, die sich mit der Governance einzelner
Länder und ihrer Volkswirtschaften befassen. Im internationalen VerDimensionen

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der GovernanceForschung

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gleich der „Political Economy of Modern Capitalism” (Crouch/Streeck 1997)
zeigt sich eine überraschende institutionelle Vielfalt, die mit vielen nationalen
Sonderwegen im Verhältnis von Politik und Wirtschaft verbunden ist. Diese
Forschung über die „Varieties of Capitalism” (Hall/Soskice 2001) untersucht
solche Unterschiede in der „Governance” der Wirtschaft und identifiziert dabei
„viele Gesichter nationaler Marktwirtschaften” (vgl. dazu den Beitrag von Deeg
in diesem Band).
Allerdings sieht sich diese Forschung über die „Varieties of Capitalism” seit
einigen Jahren einer Reihe von kritischen Nachfragen ausgesetzt. Strittig ist
insbesondere, ob und inwieweit die identifizierten Unterschiede im Verhältnis
von Politik und Wirtschaft zwischen verschiedenen kapitalistischen Ländern
oder „Länderfamilien” auf längere Sicht Bestand haben. Es existiert eine bereits
lang anhaltende Kontroverse darüber, ob es im Zuge des institutionellen Wandels
der verschiedenen nationalen Systeme unter zunehmendem Wettbewerbsdruck
eher zu einer Konvergenz (im Sinne einer zunehmenden Angleichung) oder zu
einer Divergenz (im Sinne einer Kontinuität der Differenzen – trotz aller unverkennbaren
Veränderungen) kommt (vgl. z.B. Boyer 1996).
In jüngerer Zeit wird zudem auch die Wahl der Untersuchungseinheit in
Frage gestellt (vgl. zusammenfassend Schmitter 1999). Sind es wirklich immer
nationale Unterschiede, die verschiedene (kapitalistische) Wirtschaftsysteme
kennzeichnen? Zweifel sind angebracht. Auf der einen Seite steht die These, die
Untersuchungseinheit des Nationalstaates oder der subnationalen Einheiten sei
insofern falsch gewählt, als der allgegenwärtige Globalisierungsprozess die Bedeutung
der nationalen Ebene reduziere. Die Vielfalt nationaler Kapitalismen
wird demnach durch größere „Integrationsräume” (wie beispielsweise der Europäischen
Union mit ihrem europäischen „Binnenmarkt”) mit einer gemeinsamen
Governance abgelöst. Die nationalen Unterschiede, die es früher einmal gab und
teilweise immer noch gibt, werden in dieser Perspektive von grenzüberschreitenden
Integrationsprozessen und der allgemeinen Globalisierungswelle überspült
und eingeebnet. Übrig bliebe statt der bisherigen Vielfalt ein zumindest europäischer
und zunehmend globaler Markt, von kritischen Stimmen auch als „CasinoKapitalismus”
(Strange 1986) bezeichnet, der mit seiner eigenen GovernanceKonstellation
die noch bestehenden institutionellen Differenzen der nationalen
Modelle abschleift. Auf der anderen Seite steht die These, dass die international
vergleichende Beschreibung nationaler Wirtschaftsysteme die innere Heterogenität
der Volkswirtschaften – insbesondere in den größeren Flächenstaaten – übersehe.
Innerhalb der nationalen Volkswirtschaften kommt es demnach zu einer
immer weiter voranschreitenden Ausdifferenzierung lokaler oder regionaler
Produktionssysteme mit ihrer jeweils eigenen Governance-Konstellation. Deren
Eigenleben sei in heutiger Zeit viel wichtiger als die nationalen Strukturen, die
sich im Zuge der europäischen Integration und der allgemeinen Globalisierung
ohnehin zunehmend in der Weltwirtschaft verlieren.
In diesem Beitrag wollen wir der letztgenannten Hypothese, wonach sich im
weltweiten Wettbewerb zunehmend regionale Wirtschaftscluster mit einer eigenständigen
politischen Ökonomie ausdifferenzieren, näher nachgehen. Wir interessieren
uns damit für die „Governance” lokaler oder regionaler Produktionssysteme,
verstanden als eine räumliche Konzentration von zahlreichen kleinen

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